Medien + Bildung = Medienbildung?

Nunja, ganz so einfach ist das nicht. Auch wenn die sogenannten „Neuen Medien“ in aller Munde sind, heißt das noch lange nicht, dass man auch gleich von Medienbildung sprechen kann.

Ständige Neuerungen in der medialen Welt setzt voraus, bereits tentative Fähigkeiten zu besitzen. Es ist nahezu unerlässlich, ständig Neues auszuprobieren, reflektieren, evaluieren und auf persönliche Bedeutsamkeit zu untersuchen. Im Zweifelsfall auch die aktuellste Neuerung für sich abzulehnen. Die Gefahr sich im Überangebot zu verlieren, ist derzeit enorm und wird meiner Meinung nach in der Zukunft nicht geringer.

Andererseits sind Medien aus heutigen Lernprozessen nicht mehr wegzudenken und bieten die Möglichkeit neue Bildungserfahrungen zu machen.

Allerdings wird die Bildungskluft zwischen den sozialen Schichten immer größer und ich sehe Gefahr, dass damit die bestehende Wissenskluft sich in manifeste Partizipationshürden verwandelt (vgl. Jörissen/Marotzki, 2009, S. 30). Computer sind in sehr vielen Haushalten zu finden, in sehr vielen von diesen wird der PC allerdings eher zum Shoppen oder Spielen verwendet. Somit kann man zwar den Computer in gewissem Maße bedienen, mit Bildung hat das aber noch nichts zu tun.

Bildungsrelevante Medien meint hier die „Neuen Medien“, das Internet – mit dem Web2.0 bietet es nicht nur Nutzung, sondern der User kann vieles für sich selbst gestalten und arrangieren – und nicht zu vergessen so komplexe mediale Formate wie der Film. Sie beinhalten ein hohes reflexives Potenzial (vgl. Jörissen/Marotzki, 2009, S. 30), indem sie z.B. nicht erlebbare Situationen anschaulich erlebbar machen.

In Anlehnung an Kant werden hier 4 grundlegende lebensweltliche Orientierungsdimensionen unterschieden:

  1. Was kann ich wissen? (Wissensbezug)
    In Lernprozessen muss die Wichtigkeit von Informationen immer wieder evaluiert und reflektiert werden. Ebenso unerlässlich ist die Prüfung der Richtigkeit der Informationen.
    Vor allem die unter anderem durch das Internet über uns hereinbrechende Informationsflut macht es zwingend notwendig, eine Metakompetenz bzgl. individuelles Informations- und Wissensmanagement zu entwickeln. Jeder uss selbständig für sich entscheiden, was wichtig, sinnvoll und nützlich ist. Ist man nicht in der Lage bestehende Rahmungen zu verändern, kann man schnell im Dschungel der vielfältigen Angebote untergehen.
    Dieses Verfügungswissen wird in Faktenwissen und prozedurales Wissen unterteilt. Faktenwissen meint die Beschaffenheit von Dingen und Sachverhalten, während sich das prozedurale Wissen am Erfolg des eigenen Gestaltens und Handlens orientiert.  Um von Medienbildung sprechen zu können muss dieses Verfügungswissen in eine kritische Relfexion überführt werden. (vgl. Jörissen/Marotzki, 2009, S. 31f (*))Um insbesondere das Web2.0 effektiv für sich nutzen zu können, ist der Wandel vom einfachen User zum “Produser” im Zuge der informellen Selbstbestimmung unerlässlich, man wird zum aktiven “Teilnehmer an einem Netzwerk der Wissensprodutkion” (Jörissen/Marotzki, 2009, S. 32, (*))
  2. Was soll ich tun? (Handlungsbezug)
    Diese Frage zielt darauf ab, das vorhandene Wissen in für mich angemessene Handlungsoptionen zu transformieren. Damit ist der Mensch gezwungen, Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen. Ich treffe die Entscheidung, was wann wichtig ist und muss also auch die Verantwortung dafür tragen. Meine Entscheidungen muss ich bzgl. gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Kontexte reflektieren und mich orientieren. Diese Orientierung mündet schließlich im Handeln.
  3. Was darf ich hoffen? (Grenzbezug)
    Bei Kant zielt diese Frage auf die “Abschätzung der Grenzen der Vernunft” (Jörissen/Marotzki, 2009, S. 34, (*)) ab.  Auch diese Reflexion und Anerkennung von Grenzen bildet eine Grundstruktur von Bildung und ist ein zentrales Merkmal von Medienbildung.
    Die Frage die ich für mich immer wieder neu beantworten muss: Sind Grenzen Herausforderungen oder Überforderungen?
    Im wissenschaftlich-technischen Bereich erleben wir eine ständige Komplexitätssteigerung. “Digitale, soziale, physikalische und biologische Welten verschränken sich immer mehr,” (Jörissen/Marotzki, 2009, S. 35, (*)), der digitale Raum ist für viele Menschen grundlegender BEstandteil ihrer Subjektivität.
  4. Was ist der Mensch? (Biographiebezug)
    Dies meint das Grundverständnis vom Menschsein und auf biographieanalytischer Ebene die jeweilige Identität des Einzelnen.
    Wir strukturieren unser Leben nach eigenen vollkommen subjektiven Relevanzen, diese Werthierarchie führt zu einer individuellen Orientierung, hier Biographisierung genannt.
    Voraussetzung ist die ständige Untersuchung von Informationen auf deren Bedeutungsgehalt und damit die Erkundung der eigenen maßgeblichen Lebenswerte. Ist dies ein andauernder Prozess, kann man von wachsender Lebenserfahrung sprechen.
    Da heute Traditionen immer weiter an Wert verlieren (Kontingenzzuwachs und Zunahme der Unbestimmtheiten), muss eine ständige Reflexion der eigenen Erfahrungen gemacht werden, um deren Bedeutung subjektiv feststellen zu können.

Kernmerkmale von Bildung in der Wissensgesellschaft sind also: Steigerung von Reflexivität, Biographizität und Flexibilität.

Orientierungswissen (Orientierungsrahmen der individuellen Weltaufordnung) steht nicht für sich allein da, also nicht im sozialen Vakuum. Dieses Wissen wird immer wieder von außen bestätigt und damit vorhandene Rahmungen gestärkt oder negiert, im Idealfall führt dies zum Überdenken und Variieren der eigenen Rahmungen. Dies bedingt allerdings auch eine gewisse Fähigkeit der Artikulation des eigenen Selbst.
Artikulation kann zu Kommunikation, Partizipation und letztendlich Bildung führen.
Je besser ich meine Gedanken, Meinungen, Wissen beschreibend nach außen tragen kann, um so mehr werde ich von meiner Umwelt verstanden, bestätigt oder negiert.
Hier werden 3 Stufen der Artikulation benutzt:

  • präreflexive Stufe (Bandbreite an Ausdrucksverhalten [spontane Gefühlsausdrücke])
  • reflexive/narrative Zone (Ausdruckform qualitativen Erfahrens und Erlebens, auch in Form von Symbolmedien [pictorale, musikalische, sprachlich])
  • metareflexive/argumentative Stufe (Einbettung sprachlicher und nicht-sprachlicher Bedeutungsbestimmungen in meta-reflexive Vollzüge)

Die oben genannten Stufen sind nicht trennbar und in allen Artikulationen vorhanden.
“Artikulationsprozesse beinhalten somit ein hohes Bildungspotenzial.” (Jörissen/Marotzki, 2009, S. 39, (*)) UND provozieren eine Reaktion des Gegenüber. Ergo, Aufbau von Orientierungswissen in medial dominierten Gesellschaft erfolgt u.a. über mediale Artikulation.
Wichtig hierbei ist, den Bildungswert medialer Artikulationen und deren Reflexionpotential zu erkennen und einschätzen zu können.

~ von inesmedien am 26. November 2009.

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