•21. Oktober 2009 •
Bereits seit 2000 Jahren versuchen Philosophen und Wissenschaftler dem Wissen auf die Spur zu kommen. Der Versuch die Wirklichkeit zu definieren – als ein objektiver Wert, ohne den Einfluss von persönlichem und/oder individuell Erlebten – ist bis heute nicht möglich. Wir nehmen die Welt mit unseren Augen wahr und kombinieren und interpretieren sie aufgrund unserer Erfahrungen. Der Nachbar, Freund, Kollege, Vorgesetzter, Feind, auch unsere Eltern (jeder für sich getrennt) nehmen die Welt aus ihrer Sicht wahr. Dies kann dieselbe sein, aber auch eine völlig andere Sicht der Wirklichkeit.
Welche ist die „richtige“ – reale – Wirklichkeit?
Woher wissen wir dann, dass wir wissen, dass wir wissen, dass wir wissen….. ?
Was ist die Wirklichkeit? Was ist richtig, was falsch?
Unzweifelhaft blieb da nur eine einzige Feststellung:
cogito ergo sum:
oder, wie man es allgemeiner ausdrücken könnte:
fraglos sicher ist für den Erlebenden nur, daß er erlebt.
(Glasersfeld, 2008, S.10 (*))
In der herkömmlichen Anschauung von Wissen wird angenommen, dass Erkennen dieses Wissen herbringt. Durch Wahrnehmung erlebe ich, unsere Sinne fungieren als Nachrichtensystem und leiten diese Wahrnehmungen in unser Bewusstsein weiter, d.h. ich nehme wahr, aber ob das Wahrgenommene mit dem postulierten Gegenstand übereinstimmt, können unsere Sinne uns nicht sagen. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeit außer eine Wahrnehmung mit einer Wahrnehmung zu vergleichen. Ich versuche also eine Sache mit derselben Sache zu erklären….
Das birgt in sich schon einen Widerspruch. Doch noch immer herrscht die Meinung vor, dass allein „unermüdliches Suchen und Denken [...] zu einer Annäherung an ein ‘wahres’ Weltbild führen.“ (von Glasersfeld, 2008, S. 13 (*)) Wie dies vor sich gehen soll, wird nicht klar, außer durch einen Verweis auf die Wissenschaft, die das eines Tages schon klären wird….
Woher wissen (!) wir, dass die Wissenschaft „weiß“ und dieses Wissen objektiv ist?Hat die Wissenschaft Mittel und Wege, die einem normal sterblichen Menschen verwehrt bleiben, um Dinge objektiv zu kennen?
Ist dieses Wissen um die Wissenschaft nicht genauso subjektiv?
Die Skeptiker scheinen diese Frage beantwortet zu haben, in dem sie feststellten, dass „der Wert des wisschenschaftlichen Wissens unmöglich auf bloßes Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der Sinne gegründet werden konnte.“ Eine wissenschaftliche Theorie ist nicht bewiesen, nur weil sie bislang allen Erfahrungen und Experimenten standgehalten hat. (v. Glasersfeld, 2008, S.16f(*))
Eine Neudefinition von Wissen erscheint in diesem Zusammenhang als sehr sinnvoll.Das ‘Wissen wie’ spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle, nicht das ‘Wissen was’.
Wissen hilft uns in dieser Welt zu überleben, der Instrumentalismus beschreibt Wissen als ein Mittel um zum Ziel zu kommen (von Glasersfeld, 2008, S. 15(*)).
Ist damit nicht die Sache auf den Punkt getroffen?
Es ist egal, ob Hypothesen wahr oder unwahr sind, viel wichtiger ist: Komme ich mit den von mir gemachten Überlegungen ans Ziel?
Jedoch wird der Instrumentalismus von vielen Erkenntnistheoretikern abgelehnt, zum einen wird die Existenz der ontischen Welt (das tatsächliche Seiende) ohne Angabe von Gründen konsequent geleugnet, zum anderen wird der Begriff der ‘Objektivität’ hinfällig.
Der radikale Konstruktivismus implementiert und erweitert die instrumentalistische Wissenstheorie. Der Begriff des Funtkionierens, also die Kombination der ontischen Welt mit der Erfahrung, bezeichnen Erkenntnistheoretiker als Viabilität. Als viabel wird also etwas bezeichnet, was „nicht mit etwaigen Beschränkungen oder Hindernissen in Konflikt gerät.“ (v. Glasersfeld, 2008, S. 19 (*)). Anders ausgedrückt: Ich habe Erfahrungen gemacht, evtl. Hindernisse überwunden und habe meine Schlüsse aus diesen Erfahrungen gezogen.
Simmel wie auch Uexküll haben das sehr ähnlich formuliert. Unsere Vorstellung von der Umwelt resultiert nur aus den Erkenntnissen unserer Handlungen innerhalb unserer Erlebniswelt. Wie wir alle wissen, sind Sinneseindrücke auf verschiedenste Art interpretierbar. Laut Kant ist die ‘Dinglichkeit’ ein Produkt unserer Wahrnehmung (vgl. v. Glasersfeld, 2008, S.21 (*)), also subjektiv. Ob etwas positiv oder negativ interpretiert wird, ist äußerst individuell und von dem bereits Erlebten abhängig.
Unser Weltbild bauen wir aus wahrgenommenen (nicht allen vorhandenen) Signalen auf, die wir mit erinnerten Wahrnehmungen verknüpfen und ergänzen. „Dieser jeweilige Zusammenhang erfordert nie, dass wir die ‘Umwelt’ so sehen, wie sie in ‘Wirklichkeit’ ist, [...] sondern er verlangt nur, daß das, was wir wahrnehmen, uns zu erfolgreichem Handeln befähigt.“ (v. Glasersfeld, 2008, S. 22(*)) Somit erscheint der Begriff des Passens, der Viabilität (Brauchbarkeit im Bereich der Erlebenswelt und des zielstrebigen Handelns), weitaus zutreffender als der der ikonischen Übereinstimmung. Diese ist auch absolut nicht notwendig, um an ein Ziel zu kommen.
Seit Darwins Theorie der natürlichen Auslese bekommt Viabilität eine größere Bedeutung. Denn natürliche Auslese beschreibt nichts anderes als eine bestmögliche Anpassung an die Umwelt um zu überleben. Sagt der Begriff Viabilität nicht genau das aus? „Ein Organismus ist viabel, solange es ihm gelingt, in seiner Umwelt zu überleben und sich fortzupflanzen.“ (v. Glasersfeld, 2008, S. 25(*)) Wie dieser Organismus das erreichen kann, sagt der Begriff der Viabilität nicht aus und ist auch irrelevant, es gibt zu viele Möglichkeiten durch erlernte – erfahrene – Anpassung zu überleben. Die Tierwelt bietet dafür die ausgefallensten Beispiele. Piaget beschreibt in den 1930er Jahren die kognitiven Strukturen, die allgemein als Wissen bezeichnet werden, als „Ergebnis der Anpassung“. Auch Silvio Ceccato wies darauf hin, dass Wahrnehmung und Erkenntnis kreative Tätigkeit sind und das „Objekt als Folge des Handelns entsteht“. (v. Glasersfeld, 2008, S. 29(*)), also konstruktiv und nicht abbildend.
Was ist aber mit der Objektivität? Kann man objektiv sein, wenn alles auf der eigenen Wahrnehmung beruht?
Nun, ja, insofern man nicht nur erlebt, sondern sich in einer stillen Minute ab und an hinsetzt, das Erlebte versucht zu reflektieren und zu vergleichen, daraus Schlüsse für die Zukunft zu sehen. Vergleiche ergeben immer zwei Möglichkeiten: Übereinstimmungen und/oder Unterscheidungen. Ist diese Übereinstimmung invariant, also gleichbleibend, kann eine Wiederholung in Betracht gezogen werden, in Abhängigkeit der sich wiederholenden Sache kann sich eine individuelle Wirklichkeit formen. Wiederholung erzeugt scheinbare Realität, „…die Erlebenswelt des einzelnen Subjekts.“(v. Glasersfeld, 2008, S. 33(*))
Objektive Realität erscheint uns durch die Bestätigung des Erlebens durch andere. Das setzt aber die ontische Existenz von anderen Erlebenden voraus.
Der radikale Konstruktivismus schließt das nicht aus, er ist ja auch eine Theorie des Wissens und nicht des Seins.
Wissen setzt Erleben voraus, eine Konstruktion der Umwelt, eine Konstruktion einer kohärenten Wirklichkeit und des „Selbst“.
Sind diese Konstruktionen auch in den Modellen im Vergleich mit anderen Erlebenden und deren Erlebniswelt viabel, gewinnen sie eine ‘objektive’ Gültigkeit.
Fazit:
Wissen = Viabilität
Wissenschaft= Viabilität einer für wahr gesetzten Annahme
Veröffentlicht in Uncategorized
Tags: Fakultaet EPB, Glasersfeld, Konstruktivismus, Objektivität, UHH, Wirklichkeit